Work-Life-Balance im Härtetest.

Homeoffice trifft Homeschooling.


Vi-de-o-kon-fe-renz. Sechs Silben. Das interessiert in meinem Zoommeeting am Montagmorgen aber niemanden so recht. Sondern, welche Jobs gerade anstehen. Das Erstklässler-Kind hat derweil souverän das Tablet entsperrt und löst Rätsel in der Petterson&Findus-App. Was nicht Teil des Heimunterrichts ist, aber neben Netflix der einzige Weg, damit ich ungestört am Meeting teilnehmen kann.


Homeoffice trifft Homeschooling

Spätestens seit dem ersten Lockdown im Frühjahr 2020 ist das Thema Homeoffice aus unserer Arbeitswelt nicht mehr wegzudenken. Inzwischen hat es sich vielfach über die Erfordernisse der Pandemie hinaus bewährt. Chefs und Angestellte machen gute Erfahrungen: Es funktioniert, ist zeitgemäß und oft lassen sich Arbeit und Leben dadurch besser miteinander vereinbaren. Zu diesem Leben gehört für viele im Homeoffice tätige Eltern allerdings seit einem Jahr immer wieder auch Homeschooling. Und wenn beides aufeinandertrifft, ist das mit der Vereinbarkeit plötzlich noch mal eine ganz neue Frage.


Zu Hause arbeiten und gleichzeitig unterrichten. Ein Härtetest für die Work-Life-Balance.

Das muss doch gehen, dieses Multitasking!

Nachdem mein Meeting vorbei ist, wird das mit den Silben wieder interessant. Ga-bel. Kir-sche. E-le-fant. Das Kind malt zu jeder Silbe einen kleinen Bogen in die Luft. Pling. Teamsnachricht von einer Kollegin. Ob ich mir diesen einen Satz mal schnell anschauen könnte. Ja, klar, kann … „Mamaaa! Nicht gucken! Du musst mir helfen!“ … ich. Nicht. Machs aber trotzdem: … ist das Unternehmen einer der … „Mamaa?“ … führenden … „Nö, dann hör ich jetzt auf!“ … Anbieter von … „Mamaaaaaa!“. Mit meinem „Ja-ha!“ drücke ich auf Senden.


Dass Multitasking funktioniert, ist längst widerlegt. Schon gar nicht funktioniert es, wenn die „Aufgabe“, die man außer der Arbeit zu erledigen hat, einem beständig reinquatscht. Gerade Eltern von Grundschulkindern haben diesbezüglich in den letzten Wochen und Monaten reichlich Erfahrung sammeln dürfen. Wir wissen inzwischen, dass es nicht geht – und versuchen es trotzdem immer wieder. Hilfreich sind Eigenschaften, die auch meinen Arbeitsalltag in der Agentur durchdringen: Kreativität und die Fähigkeit, Aufgaben und Ziele zu priorisieren.


Lehrer sind Lehrer, Werber sind Werber – und das ist auch gut so.


Weiter mit den Aufgaben, Wörter schreiben. Der Merksatz gefällt mir: In jedem Silbenboot sitzt ein Kapitän (also ein Vokal), sonst geht es unter. Das Kind kennt ihn auch, Grimassenshow muss trotzdem sein. Überdeutlich artikulieren wir zusammen: „Mäd-chEn.“ Nicht Mäd-chn. „E-sEl.“ Nicht E-sl. Wie tückisch sich gerade das „e“ verhält, muss ich mir ganz neu bewusst machen. Warum eigentlich „To-ma-te“ und nicht „To-ma-tö“? Und wo wir gerade dabei sind: Warum „S-c-h-u-l-e“, aber nicht „S-c-h-t-r-a-ß-e“? Auch mir raucht langsam der Kopf. Besser mal lüften. Soll man ja eh.

Apropos lüften: Ein offenes Fenster sorgt nicht nur für frische Luft, sondern oft auch für frische Stimmung. So wie bei mir ist vermutlich bei vielen Eltern der Respekt für Lehrerinnen und Lehrer noch mal deutlich gewachsen. Denn neben der zeitlichen Komponente bieten auch das eigene didaktische Unwissen und das viel zu enge Verhältnis zwischen Eltern und Kindern immer wieder Anlass für Auseinandersetzungen. Oder für Kapitulation. Noch eine passende Fähigkeit aus dem Agenturalltag: Durchatmen, wenn‘s hakt – und weitermachen. Oder auch ganz neu ansetzen.


Fünf Silben für die Vereinbarkeit.

Pling. Die nächste Nachricht von der Arbeit und pawlowschartig die Reaktion des Kindes: herabfallender Bleistift, herabrutschender Leib, halb auf dem Boden hängend eine Doppelrunde auf dem Drehstuhl, melodramatisches „Mamaaaa!“. Heißt für mich: Nur beantworten und bearbeiten, was wirklich dringend ist; alles andere absprechen und auf später verschieben. Später – auf die nächste Tablet-Einheit des Kindes zum Beispiel oder auf den Abend, wenn es schläft. Das geht, weil sich in unserer Agentur neben Homeoffice auch flexible Arbeitszeiten und Vertrauensarbeitszeit etabliert haben.

Nun öffnen die Schulen langsam wieder und für viele Eltern endet die Phase aus Homeoffice und Homeschooling. Vielleicht ist sie aber auch nur für eine Weile vorbei und kehrt dann zurück. Je nachdem, wie sich das mit Corona entwickelt. So oder so ist es gut, wenn die Arbeit so etwas mit sich machen lässt. Denn Kreativität hin, Priorisierungsvermögen und Atmen her – Homeoffice trifft Homeschooling oder allgemeiner Arbeit trifft Leben braucht vor allem eins: Fle-xi-bi-li-tät. Fünf Silben. Falls es jemanden interessiert.