EINE BEGEGNUNG NACH 15 JAHREN.

OLDENBURGERIN TRIFFT IHR INDISCHES PATENKIND.

Wenn ein Mensch eine Patenschaft für ein Kind in einem fernen Land übernimmt, dann ist die Wahrscheinlichkeit nicht allzu groß, dass sich beide einmal wirklich begegnen. Für Kerstin Nikel aus Oldenburg und Pooja Khorjuvekar aus Goa wurde der Wunsch jetzt aber Realität.

Flashback 2004, im Frühjahr: Kerstin Nikel hat schon lange mit dem Gedanken gespielt, eine Patenschaft zu übernehmen. Bis zu diesem Zeitpunkt hat sie jedoch immer wieder Abstand davon genommen. Denn bei vielen Organisationen fehlte ihr ein bisschen die Transparenz und sie fürchtete, ihre Unterstützung würde beim Kind vielleicht überhaupt nicht voll ankommen.

Im indischen Goa etwa zur gleichen Zeit: Die 16-jährige Pooja Khorjuvekar hat ihren Vater verloren. Die Familie steht vor einer finanziellen Katastrophe, und Pooja, die älteste von drei Geschwistern, blickt in eine ziemlich ungewisse Zukunft: Die qualifizierte Ausbildung, die sie sich gewünscht hatte, kann sie sich nicht leisten und muss im Gegenteil schnell Geld verdienen, um zur Ernährung der Familie beizutragen.

Und heute?

Spätsommer 2019: Pooja Khorjuvekar arbeitet seit Kurzem als Team Leader in der Software-Abteilung eines Hamburger Start-Ups mit indischen Wurzeln – und Kerstin Nikel macht sich von Oldenburg auf den Weg, um ihr ehemaliges Patenkind zu besuchen. Denn 2004 hat Kerstin über die I.S.E.A.F., die Ausbildungshilfe Indien, eine Patenschaft für Pooja übernommen und ihr auf diese Weise ein vierjähriges Studium ermöglicht, das sie 2008 mit einem Bachelor of Engineering abschloss. Zur in Oldenburg ansässigen I.S.E.A.F. hat Kerstin seinerzeit schnell Vertrauen gefasst – auch weil sie immer nach Goa hätte reisen, die Ausbildungsstätten und ihr Patenkind besuchen können. „Wie sich gezeigt hat, habe ich mich richtig entschieden“, sagt Kerstin heute.

Fremdeln die beiden?

In Hamburg spazieren Kerstin und Pooja an diesem sonnigen Spätsommernachmittag die Binnenalster entlang. Wie fühlt es sich denn nun an, wenn man sich nach so langer Zeit das erste Mal direkt gegenübersteht? „Nein, fremd sind wir uns eigentlich nicht“, sagt Kerstin, „wir hatten ja zwischenzeitlich immer wieder Kontakt über Facebook.“
Und gefällt es Pooja in Deutschland? „Das Land ist so schön grün und die Leute sind freundlich und hilfsbereit“, meint die 31-Jährige. „Es gibt so viele schöne Burgen und Weihnachtsmärkte, die ich unbedingt mal besuchen will!“ Ob sie vielleicht dauerhaft in Deutschland bleiben möchte, hat Pooja aber noch nicht abschließend entschieden. Ihre Zukunftspläne: „Reisen, so viel ich kann.“

Kerstin und Pooja

„Nein, fremd sind wir uns eigentlich nicht.“

Gibt es ein Wiedersehen?

Aber jetzt ist zunächst einmal Hamburg an der Reihe und damit eine Gegenwart, die vor 15 Jahren noch völlig undenkbar gewesen wäre. Dank einer Organisation wie der I.S.E.A.F. und einer engagierten Oldenburgerin konnte eine junge Frau in Indien ein Studium nach ihren Talenten und Interessen absolvieren und sich auf diese Weise für einen zukunftsträchtigen Job in einem internationalen Unternehmen qualifizieren.
Werden sich die beiden wiedersehen? „Auf jeden Fall bleiben wir im Kontakt“, sagt Pooja. Kerstin ergänzt: „Oldenburg ist von Hamburg ja nur einen Katzensprung entfernt.“ Gemessen an der Distanz zwischen Goa im Jahr 2004 und Hamburg 2019 ist es sogar nur ein Katzensprüngchen.

Die I.S.E.A.F. und die Frese & Wolff School.

Die I.S.E.A.F. ist ein in Oldenburg ansässiger, gemeinnütziger Verein, der sich zum Ziel gesetzt hat, hilfsbedürftigen Jugendlichen in Goa zu einer qualifizierten Ausbildung zu verhelfen. Gegründet 1991 fördert die Organisation dank zahlreicher Spender und Paten jährlich über 900 Schüler mit Stipendien. Gemeinsam mit der Werbeagentur Frese & Wolff bildet die I.S.E.A.F. an der Frese & Wolff School zudem ca. 350 Jugendliche in dreizehn unterschiedlichen Berufen aus. Das Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung hat die Projekte mit Zuschüssen gefördert.